Capoeira

…Kampf, Tanz, Kunst

Capoeira wurde 2008 zum offiziellen brasilianischen Kulturerbe ernannt. Entwickelt wurde die Kampfkunst vor ungefähr 300 Jahren von Sklaven, die nach Brasilien verschleppt worden waren. Ihnen war die Selbstverteidigung verboten, daher trainierten sie heimlich oder versteckt in einem Menschenkreis, der Roda (Portugiesisch für Kreis). So war der direkte Blick auf die kämpfenden Capoeiristas versperrt. Wenn sich ein Aufseher (oder später die Polizei) näherte, wurden alle anhand des Rhythmuswechsels der Musik gewarnt und tarnten die Übungen als Tanz. Die tänzerischen und akrobatischen Elemente sind erhalten geblieben, Einflüsse aus anderen Kampfstilen fanden mit der Zeit Eingang in die Capoeira.

Capoeira war also schon immer verbunden mit der Selbstbehauptung, dem Freiheitswillen und der Lebensfreude der Schwarzen und Indios in Brasilien. Das ist auch heute noch stark zu spüren, da sich viele Capoeira-Gruppen gegen die Benachteiligung von Schwarzen oder anderen sozialen Gruppen engagieren. Bei Capoeira ist nicht wichtig, woher man kommt, welches Geschlecht man hat oder welchen Beruf oder wie viel Geld. Alle sind willkommen, die sich mit ihrer Energie in die Gruppe einbringen und mit Capoeira spielen.

In gewisser Weise ist Capoeira auch so etwas wie Geschichtsschreibung, denn die Lieder erinnern an die Unmenschlichkeit gegenüber den Sklaven, an wichtige Capoeira-Mestres und an den Alltag der einfachen Leute und Capoeiristas in schweren oder besonders schönen Momenten. Manche Lieder geben auch eine bestimmte Lebenshaltung wieder oder werden zu Anlässen wie Begrüßung, Verabschiedung, Ermahnung oder Lob der aktuell Spielenden gesungen. Die Lieder sind in portugiesischer Sprache, für viele ist also auch automatisch ein kleiner Sprachkurs im Training inbegriffen.

Capoeira ist ein Gruppenereignis. Man kann zwar einzelne Bewegungen allein trainieren, gespielt wird jedoch immer in der Roda. Am Kopf des Kreises, wo sich auch die Capoeiristas mit einer Handbewegung in das Spiel „einkaufen“, stehen mindestens drei Instrumente: Pandeiro, Berimbau und Atabaque. Das Berimbau gibt den Toque (Rhythmus) und die Geschwindigkeit vor, nach der die anderen Instrumente spielen. Danach richtet sich der Gesang der Gruppe und die Spielweise.

Meist wird kontaktlos miteinander gespielt und Würfe nur kurz angesetzt. Tricks, Täuschmanöver und neu erlernte Floreus (Akrobatik) stehen im Vordergrund, und die Gruppe applaudiert bei gelungenen Spielzügen oder tollen Bewegungen. Genauso gut kann ein Spiel auch „hart“ gespielt werden. Das wird allerdings erst ab einer gewissen Erfahrung und Körperbeherrschung zugelassen, damit keine schlimmen Verletzungen entstehen. Bei öffentlichen Auftritten überwiegt die Akrobatik und die Kooperation der SpielerInnen, weshalb Capoeira von vielen Menschen nicht so sehr als Kampf und eher als Tanz wahrgenommen wird. Getanzt wird von Capoeiristas allerdings auch: Am Ende einer großen Roda zu feierlichen Anlässen wird der Samba-Rhythmus angeschlagen und mit großen Gesten und Hüftschwung geht das Spiel im Sambatanz weiter.

In ihrer Komplexität und ihrem Reichtum an Ausdrucksmöglichkeiten ist Capoeira eine wahre Kunst.